home


Dachzelt prime tech USA

 

Dachzelte gehören nicht unbedingt zu den billigsten Anschaffungen. Die Preisliste (Stand 12/2009) beginnt eigentlich irgendwo um 800 Euro, normal sind zwischen 1400 und 1800 Euro auf den Tisch des Hauses zu legen. Nach oben ist die Grenze wie immer offen. Nach meiner Meinung zu viel, um ein paar Mal im Jahr in Wald und Feld zu übernachten. Doch da waren ja noch – richtig: Diese Billigdachzelte, Made in China, für unter 500 Euro, die so aussehen wie die für 800 Euro. Also habe ich es gewagt und trotz schlechter Referenzen eines dieser Dinger geholt. Dachzelt Prime Tech USA. Mit der Absicht, das auf meinen Niva zu montieren und ohne Rücksicht auf Verluste auch zu nutzen. Und vorab: Vor allem letzteres habe ich auch getan.

 

Nach der Anlieferung sah es aus wie auf einer Großbaustelle. Soo groß hätte ich mir das Ding dann doch nicht vorgestellt. Und das soll auf den Niva? Es ging auf den Niva und den geringsten Anteil daran hatte die Bedienungsanleitung, die man eigentlich nur als unausgegoren bezeichnen kann. Um diesem Umstand abzuhelfen, habe ich eine neue geschrieben. Sie kann demnächst im Downloadbereich kostenlos heruntergeladen werden.

 

Als Grundträger habe ich solche von Thule verwendet. Die sind für 100 kg dynamische Last zugelassen. Die Träger liegen sehr breit in der Regenrinne auf, so daß Schäden nicht zu befürchten sind.

 

Dann gilt es zu entscheiden, in welche Richtung das Zelt aufklappen soll. Möglich sind zwei Varianten – zum Fahrzeugheck oder zur einer Fahrzeugseite. Für den Niva kommt nur die Variante zu einer Fahrzeugseite in Frage, wobei ich mich für ein Aufklappen zur Beifahrerseite hin entschieden habe. Man kann prinzipiell auch über das Heck aufklappen, bekommt dann aber die Heckklappe nicht mehr auf bzw. beschädigt diese. Auch Hängerbetrieb wird dann zum Problem.

 

Nachdem diese wichtige Entscheidung getroffen ist, kann man zur Tat schreiten. Die besteht zuerst einmal darin, zwei Schienen mittels mitgelieferter Schrauben je nach Anbringungsvariante auf dem Fahrzeug in vorgebohrten Löchern zu befestigen. Beim Anblick der vier Schrauben XxXX kommen allerdings Zweifel, ob die den Belastungen standhalten, die im Fahrbetrieb auftreten. Ein Ausreißen aus der Alu-Waben-Grundplatte ist mehr als wahrscheinlich und damit die Chance, bei einer Vollbremsung das Zelt vor sich zu sehen. Von Fahrten im Gelände einmal ganz abgesehen, denn da treten noch höhere Kräfte auf. Um das zu verhindern, habe ich verzinkte Stahlplatten aus dem Baumarkt auf der Innenseite angebracht, um die Last auf eine größere Fläche zu verteilen (Foto). Ist das Anbringen der Schienen vollbracht und die Leiter angebracht, kann das Zelt auf den Dachträger. Mit zwei Personen ist das machbar, allein unmöglich. Das Anbringen am Dachträger selbst erfolgt durch in den Schienen gleitende Paßstücke und erscheint durchdacht und sicher.

 

Nun steht dem ersten Aufklappen eigentlich nichts mehr im Weg. Das gestaltet sich sehr einfach und ist auch allein in kürzester Zeit zu bewerkstelligen. Dazu sind zwei Klettbänder zu lösen, die Leiter herauszuziehen und als Hebel zu nutzen. Und schon steht es, das Dachzelt. Am unteren Rand des Zeltes ist nun noch die Zeltbahn über die Grundplatte zu ziehen. Vergißt man das und es regnet, läuft Wasser unter die Matratze, was nicht sonderlich angenehm ist. Diese Zeltteile bedürfen übrigens aus genau diesem Grund einer besonders guten Nachimprägnierung. Zum Fertigstellen sind einfach nur noch die 8 mitgelieferten Stahlstäbe als Aussteller anzubringen (Foto). Dabei wird dann auch deutlich, das es mit der Paßgenauigkeit nicht so sehr genau genommen wurde. Die Ösen im Zelt stimmen nicht genau mit den vorgesehenen Bohrungen im Rahmen überein. Der erste Blick hinein: Ja, im Innenraum ist jede Menge Platz, auch für zwei. Fenster und Öffnungsmöglichkeiten sind durchdacht und ausreichend. Und vor allem in fast jeder Position arretierbar. Eine bedauerliche Ausnahme bildet die Luke an der Einstiegsluke und auf der gegenüberliegenden Seite. Die ist nicht nur von innen schlecht verschließbar (weil man nicht in jeder Position leicht an den Reißverschluß kommt), sondern auch nicht vernünftig in beliebigen Stellungen arretierbar. Hier ist Bastelarbeit erforderlich. Ansonsten kann wetterangepaßt sowohl gelüftet als auch Licht hereingelassen werden. Es fällt auf, daß der Zeltstoff sehr lichtundurchlässig ist. Das betrifft natürlich beide Richtungen, was vor allem nachts sehr von Vorteil für den Nutzer ist. Des Morgens kommt so aber auch kein Sonnenlicht hinein, wie man es vom normalen Zelt gewöhnt ist. Da kann man schon mal verschlafen...

 

Gut gefallen die gedeckten grünen Farben, in denen das Zelt wohl fast ausschließlich ausgeliefert wird. Man fällt damit nicht sonderlich auf. Natürlich nur, wenn das darunter befindliche Auto nicht gerade orange ist. Aus der Ferne ist eigentlich nur die Leiter als reflektierendes Bauteil zu erkennen. Mit dem unten erwähnten Vorzelt kann sie teilweise abgedeckt werden. Damit kann das Dachzelt – besonders in Hinblick auf die rundum vorhandenen Öffnungsmöglichkeiten - auch für andere Anwendungen außer zum reinen Übernachten verwendet werden. Jagd, Tierbeobachtung und -fotografie, stationäre Überwachungsaufgaben außerhalb von festen Unterkünften, um nur einige zu nennen.

 

Ein Kritikpunkt, besonders in Foren und Testberichten im Internet, war unter anderem die Matratze. Sie sei zu leicht zu komprimieren und würde dann nicht mehr vernünftig isolieren. Nach etlichen Übernachtungen kann ich das auch bei meinem Gewicht nicht bestätigen. Die Matratze komprimiert, liegt aber auch bei meinem Körpergewicht (immerhin um die 90 kg) nicht platt auf dem Aluwaben-Unterbau auf. Wie sich das bei längerer Nutzung entwickeln wird, kann noch nicht gesagt werden. Sie bietet subjektiv eine relativ gute Isolation, die durch das darunter liegende Alu-Material der Grundplatte noch verstärkt wird. Kein Vergleich zur Übernachtung mit Isomatte auf dem Boden eines normalen Zeltes. Der Matratzenbezug kann nach Öffnen eines Reißverschlusses abgenommen werden und zieht nebenbei angemerkt leider vom Material her Schmutz magisch an. Durch den Reißverschluß besteht übrigens auch die Möglichkeit, die eigentliche Matratze gegen ein hochwertiges Modell zu tauschen, sollten sich die Befürchtungen der Kritiker bewahrheiten.

 

Wirklich kritikwürdig sind neben der allgemein schlampigen Verarbeitung speziell die Nahtabdichtung und die Imprägnierung. Das Überzelt, das eigentlich die Masse des Wassers von oben abhalten sollte, war jedenfalls bei meinem Zelt nahezu komplett wasserdurchlässig. Entsprechend schnell weichte der gleichermaßen fast nicht imprägnierte, aber gummierte Stoff des eigentlichen Zeltes um die Nähte und an besonders wasserbelasteten Stellen. Hier muß dringend nachgebessert werden. Mit Nahtdichter und einem vernünftigen Spray zum Nachimprägnieren ist man auf der sicheren Seite, auch wenn es natürlich Zeit braucht. Hat man das erledigt, dringt auch bei Starkregen kein Wasser ein, sind alle Luken geschlossen. Probleme bereiten nur geöffnete Luken an der Leiter und auf der gegenüberliegenden Seite. Hier sollte man schon darauf achten, das alles dicht verschlossen und mit dem Reißverschluß auch gesichert ist. Insbesondere das schlecht zu befestigende untere Ende des Stoffes der Verschlüsse der Luken birgt Problempotential.

Damit alles wasserdicht wird, sind nach dem Aufbau unbedingt die Stoffabdeckungen zu kontrollieren, die sich an der Stelle befinden, wo die Alu-Zeltstangen auf Höhe der Zeltmitte seitlich an der Bodenplatte in einem Scharnier zusammenlaufen. Das ist etwas fummelig, aber unbedingt notwendig. Und es wird meist vergessen.

 

Bekanntschaft mit Wasser kann man auch an anderer Stelle machen und auch dies ist Ausdruck mangelnder Verarbeitungsqualität und nicht durchdachter Konstruktion. Das Überzelt, also die Plane, die eigentlich den Regen vom Hauptzelt abhalten soll, kann nicht immer straff gespannt werden. Dadurch bilden sich Wassersäcke, zwei auf der Einstiegsseite des Zeltes (gegenüber auch) und mit einem gewaltigen Fassungsvermögen. Betritt man, ohne daran zu denken, die Leiter, dann spannt sich die Plane und die Liter Wasser ergießen sich über denjenigen, der gerade die Leiter erklimmt. Punktgenau. Auf der anderen Fahrzeugseite trifft es einen, will man was aus dem Auto holen. Eine Lösung dafür habe ich noch nicht gefunden. Bis jetzt habe ich immer einen Ast zum Hochdrücken bereitgestellt, aber das löst das Problem nur teilweise.

 

Weitere Meckerzeilen gab es in diversen Testberichten über die planenartige Abdeckung des zusammengeklappten Zeltes. Sie sei schlampig verarbeitet, nicht sonderlich haltbar und überdies zu klein bemessen. Gut, das mit der schlampigen Verarbeitung stimmt natürlich, wenn es auch nicht gravierend ist. Von der Größe her stimmt bei meinem Zelt alles, die Plane ist eher etwas zu groß. Voraussetzung ist natürlich, daß das Zelt anständig zusammengelegt wurde. Bis jetzt sind, trotz mehrerer tausend mit Dachzelt zurückgelegter Kilometer (und das auch bei Dauerregen und Schnee) keinerlei Schäden feststellbar.

Vorsicht muß man natürlich Offroad walten lassen. Berührungen mit herunterhängenden, starken Ästen verträgt die Abdeckung gar nicht.

Beim Umgang mit der Plane muß sehr genau darauf geachtet werden, das sich der Zeltstoff beim Betätigen des Reißverschlusses nicht einklemmt. Solche Beschädigungen sind sehr schwer zu reparieren und liegen in Problembereichen (siehe oben).

Die Plane wird durch zwei Bänder zusätzlich gesichert. Diese Bänder besitzen Klettverschlüsse der übleren Qualität, die sich im Fahrbetrieb schon mal lösen können. Hier sollte man dringend andere Verschlüsse anbringen.

 

Und bei Sturm? Ich hatte da sehr ernsthafte Bedenken, aber das Zelt ist ohne wenn und aber sturmfest. Zur Not können die Aussteller entfernt und die Überdachungen sowie das Überzelt schnell am Hauptzelt befestigt werden. Ich mußte das bis jetzt noch nie tun. Nichts scheuert oder reißt, man kann beruhigt schlafen.

 

Ein Problem solcher einwandiger Zelte ist Schwitzwasser. Übernachtet man bei niedrigen Temperaturen bildet sich innen an der Zeltdecke Schwitzwasser, was einem ins Gesicht tropft, wenn kein Innenzelt vorhanden ist. Das ist physikalisch bedingt und nun mal nicht zu ändern. Nach den bisherigen Erfahrungen wird dieser Effekt im Prime tech etwas durch das Überzelt gedämpft, ist aber schon in der Übergangszeit bei Temperaturen um 5°C besonders im Bereich um die Einstiegsluken geringfügig zu beobachten. Sonderlich störend wirkt sich das nicht aus, hat aber natürlich Folgen beim Verpacken des Zeltes. Insgesamt scheint das Problem überschätzt zu werden. Auch unter extremen Bedingungen hielt sich die Schwitzwasserbildung in sehr erfreulichen Grenzen.

 

Bleibt noch die Frage zu beantworten, wofür eigentlich die vier Gummizüge mit den Plast-Karabinerhaken gut sein sollen, die dem Zelt bei Anlieferung lose beigelegt sind. Sie kommen innen im Zelt an die im Foto sichtbaren Ösen. Vor dem Zusammenklappen werden sie auch an der gegenüberliegenden Zeltseite eingehängt und sollen dafür sorgen, daß der Zeltstoff beim Einklappen nach innen gezogen wird. Das funktioniert, wie das Einklappen an sich, recht ordentlich. Ohne eine kleine Haushaltleiter ist aber auch beim Niva selbst für große Menschen kein ordentliches Arbeiten möglich.

 

Problematisch ist Feuchtigkeit beim Verpacken des Zeltes, aber das ist auch bei anderen Dachzelten so. Nicht immer besteht die Möglichkeit, das Zelt restlos abtrocknen zu lassen. Während einer Tour in gemäßigten klimatischen Zonen im Sommer ist das nach meinen Erfahrungen kein Problem. Das Zelt wird eh am Abend wieder ausgeklappt. Wenn´s ganz dicke kommt, muß die Matratze vor dem Einklappen des Zeltes herausgenommen und an anderer Stelle verstaut werden. Sie nimmt sonst langsam aber stetig Feuchtigkeit auf und das wird unangenehm. Anders sieht das aus, wird das Zelt längere Zeit nicht gebraucht und auf dem Auto spazieren gefahren. Hier ist regelmäßiges Öffnen und Trocknen Pflicht, sonst müffelt und rottet es. Am Ende der Saison, bei mir also nach dem traditionellen Weihnachtscamping, muß das Zelt vom Auto und am besten geöffnet gelagert werden. Hier ist dann auch Zeit für die notwendigen Nachbesserungsarbeiten. Das alles darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, das man ab Herbst das montierte Zelt nicht mehr vernünftig trocken bekommt.

 

Zum Zelt wird auch ein Vorzelt angeboten. Es wird unterhalb des ausgeklappten Zeltteils an einer Kederschiene befestigt und umschließt diesen. So richtig brauchbar ist es nur bei Fahrzeughöhen um 2 Meter oder darüber. Bei geringeren Höhen kann das Zelt nicht vernünftig abgespannt werden. Regnet es waagerecht und braucht man ein wenig Platz für Tisch, Stuhl oder Utensilien, ist es trotzdem zweckmäßig. Um die Nachteile zu beseitigen, werde ich das Zelt abnähen lassen. Da ich nicht die geborene Hausfrau bin, werde ich das durch eine Firma erledigen lassen und nur die Nacharbeiten selbst machen. Bericht folgt später.

 

Fazit: Nach einigen recht kostengünstigen Nacharbeiten ist das Zelt sehr gut zu gebrauchen, um mal in der Wildnis zu übernachten. Das funktioniert bedarfsweise nicht nur tage- sondern durchaus auch wochenlang. Die beschriebenen Mängel sind behebbar, zumindest aber in Anbetracht des Preises zu tolerieren. Das Zelt ist dank gedeckter Farben und vielfältiger Öffnungsmöglichkeiten für sehr viele Anwendungen auch außerhalb der reinen Übernachtung outdoor zu gebrauchen. Viele Details sind durchdacht und praxistauglich.

© Dieter TD 12/09